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Revolution und Stufenweg der Erleuchtung

© Dr. Peter Jirak - Leseprobe

 

[…]

 

Werke und Wege (anstatt einer Autobiographie)

 

Transalpina solitudo mea iocundissima.

Tendimus huc omnes. Haec est domus ultimus cunctis.

 

“Du schreitest jetzt stolz auf dein blühendes Leben über fremde Gräber, wie bald wird man über dein Grab schreiten!“ (Petrarca)

 

Lange hielt ich mein Leben für bedeutsam genug, seinen Strom zwischen vita activa und vita contemplativa autobiographisch zu fassen. Ich denke aber heute, obzwar der Werke aller Tage noch nicht zu Ende ist, dennoch meine ich proportional zu meiner Arbeit nicht bedeutsam genug zu sein. Indes lässt sich allemal Biographisches aus fast jeder Arbeit heraus lesen, zumal es ja im Leben darauf ankommt, dass ihm die Werke folgen, und nicht im Voraus eilen – wie dies sooft im narzisstischen Entwurf von Kunst ersichtlich.

Das Leben bewegt sich immer zwischen Trostsuche und Totenklage: Erst durch die unterschiedlichen Tode, also durch das je spezifische Sterben des Individuums, wird der einzelne Mensch im Gesamtzusammenhang von Geschichte und universeller Ordnung sichtbar.

Aber auch von den Tieren, wie von der Katze mit ihren sieben Leben, kann niemand behaupten, sie hätten keine Individuationsmöglichkeiten. Auch von der scheint’s unbelebten Natur lässt sich durch menschliche Reflektion nichts Genaues sagen. Für die einen sind auch die Steine lebendig und nicht nur Gras und Blumen. Anderen wiederum erscheint alles im Kosmos als ein unendlicher Zusammenhang des Lebendigen.

Im Erwachen an einem dunklen Morgen des November 2010: Die unterschiedlichen Formen des Todes, die unterschiedlichen Arten des Sterbens, der letzte Augenblick, in dem sich, wie in einem definitiven Sonnenuntergang alle Sonnenuntergänge widerspiegeln – dies alles erst konstituiert des je einzelnen Individualität: die Begegnung des Endlichen mit dem Unendlichen. Erst im Rückblick auf ein Leben entbirgt sich ein Ganzes, nach dem wir alle immer gestrebt haben, oftmals, ohne dass uns diese Tendenz bewusst gewesen wäre.

 

           Der Tod in diesem Garten pflückt

           mit seinen bleichen Lippen eine

           Blume nach der andren gemäß den

           Farben ordnet er die Reihenfolge seines

           Tuns zuerst die rote Rose dann

           blauen Enzian und auch den gelben

           die grünen Pflanzen frisst er nie aber

           sehr leidenschaftlich alles Violette.

 

Put poesis in command!

Ich habe die bürgerliche Gesellschaftsordnung, die noch immer die allein gültige, sakrosankte, verfassungsbildende und moralisch-verpflichtende ist, schon vor langer Zeit verlassen. Ich bin kein Aussteiger, sondern ein Umsteiger! 1974 verließ ich das Leben eines bequemen Citoyen und zog in ein entlegenes Dorf in einem entlegenen Land, wo ich die Sprachen dort erst erlernen musste und auch das Leben mit zunächst hart scheinenden und unzugänglichen Menschen. Ähnlich erging es Gary Snyder und Franco Beltrametti viele Jahre früher in Japan auf der Insel Hokkaido. Auch die on the road people haben mich motiviert, Jack Kerouac; in gewisser Weise auch Henry Miller, die Shelter-Bewegung, usw. Erst heute ist mir bewusst, was ich damals wirklich suchte, und in Berlin, Wien, Frankfurt oder anderswo in den Städten Westeuropas nicht mehr finden konnte: Menschliche Gemeinschaft! Was der große George Thomson sozietas nennt – im Gegensatz zur polis und der ihr entspringenden civitas, ist heute nur noch Legende und bestenfalls ein Mythologem. In Westeuropa gibt es, außer als Sekte oder anderer Gruppierungen, keine Gemeinschaften mehr. Meine These diesbezüglich lautet: Sich auflösende Gesellschaftsformationen führen nicht per se zu Gemeinschaftsbildungen, sondern nur zu Gruppierungen. Gruppenverhältnisse sind die Konsequenz. Aber das Ver-halten des Menschen ist kein Handeln! Die Verhältnisse, die sind nicht so, dass ein neuer Mensch sich herausbilde; und die Notwendigkeit des neuen Menschen ist unumstößlich, von einem, der nach dem langen Zusammenbrechen der bürgerlichen Welt ein neues Paradies hier und jetzt zu bilden vermag, im Ordnungszusammenhang von Sozietäten, die sich frei und weltweit zu assoziieren in der Lage sind.

Globalisierung, eindimensional und positiv gewendet, ist nichts als die Totalisierung der bürgerlichen Grundordnung: Privateigentum, Pseudodemokratie, Verfassungszwang, Polarisierung von arm–reich (heute gibt es statistisch betrachtet weltweit einen viel größeren Gegensatz von Elend und Akkumulation, als in Frankreich vor der Französischen Revolution), Zentralgewalt der Monopole und ausgefranste Peripherien, Atomismus, Lobbyismus, enteignetes Bewusstsein der Massen, Entleiblichung des natürlichen Menschen, usw. Totalität des Imperiums und die Vampyroteuthis, Hegemonie des Leviathan – tausend und mehr Gründe, um mit dem System der Entfremdung zu brechen und einen Weg im Niemandsland zu suchen.

Zum Teil wurde ich auch von außen dazu animiert (Freibeuter, Staatsfeind Nummer Eins, Berufsverbot, Antizionist, Terrorist, Anarchist, Revoluzionario, usw.) … Was fällt, soll man treten, denkt Nietzsche. Er hat Recht! Aber getreten muss werden das Andere, das fällt. Nur kein Reformgeist!

 

           Angekettet (der Andere) fährt er die Galeere,

           tief im Schiffsbauch, Engel sieht er nie und kaum je einen

           Albatros!

 

Die meisten, fast alle Menschen heute sind an die Megamaschine gefesselt. Aber sie wissen es nicht: Sie telefonieren zum Beispiel auf ihrem Handy (tutti handycapati!) und gleichzeitig fressen sie einen Big-Mac; sie sind immer unterwegs und wissen nicht wohin (unterwegs nach nirgends, singt die Milva; und der Qualtinger singt: ich weiß nicht, wohin ich fahre, dafür bin ich schneller dort!).

Der moderne oder postmoderne Massenmensch ist zerrissen zwischen der Unfähigkeit zur Kritik und Selbstkritik und einer alles beherrschenden Technik. In Hellas waren die kritische Urteilskraft kritike und techne (das Wissen vom „Gestell“) noch nicht geschieden, jedenfalls nicht für die oberen Zehntausend.

Heute ist die Kritik eine Angelegenheit der Massenmedien und die Technik fast ausschließlich ein Problem der Herrschaft. Dazu gehören der verwaltete Mensch (Max Weber) genauso wie die Raumfahrt, die Energieversorgung, die Bauproduktion, der Massenverkehr/Transport, die industrielle Produktion und die Massenkonsumption. Die Kommunikation, ein Stereotyp in aller Munde, gibt es nur noch als Entfremdungserscheinung: Keine Rhetorik und kein Rhetor, nirgends! Nichts Handgeschriebenes mehr, keine Briefe, keine Kalligrafien. Überall nur Brüche, aber nirgends summieren sie sich zur Rebellion, Revolution zur fundamentalen Weltveränderung. Auch die Grünen sind letztlich nur affirmativ! Sie wollen die Natur retten, sagen sie; wissen sie denn, was die Natur ist? Oder was ein kultureller und materieller Stoffwechsel der Gesellschaft (welcher) mit der Natur sein könnte? Nein, sie wissen es nicht. Keiner!

Solange die globale Menschheit kein ganzheitliches Bewusstsein entwickelt, bleibt alles Wissen partikulär. Und die Differenz von Glaube und Wissen führt in die Irre: Einerseits das Labyrinth der Sekten und Weltkirchen, andrerseits die Wissenschafts-Ideologumena als Religionsersatz.

Nein, diese Welt, wenn sie sich nicht grundlegend ändert, ist dem Untergang geweiht.

Die Hinwendung zum Schlechteren (Katastrophe) ist grauer Alltag und als die verdrängte Verzweiflung allgegenwärtig.

Das gemeinhin Böse, von dem Hannah Arendt schreibt, es sei die Verweigerung der Person, als Individuum Ver-antwortung zu tragen, also der Kadavergehorsam der Funktionäre eines totalitären Regimes, ist heute eine Angelegenheit der schweigenden und gleichgültigen, indifferenten und konformistischen Masse. Desgleichen beruht die „Schuld“ am Untergang der westlichen Zivilisation in der Unfähigkeit, von der Person zum handelnden und selbstbewussten Subjekt zu avancieren: Die Person ist fremdbestimmtes Dasein, enteignetes Bewusstsein. Allein die Individuation als Prinzip der Freiheit garantierte ein willensbestimmtes Verhältnis zum Kollektiv, und damit den notwenigen Raum für souveränes Handeln.

Alles Tun und Agieren muss in bestimmten Situationen subversiv, ja eversiv werden: Ça ira! Subvertere heißt wörtlich umstürzen, das Unterste nach oben kehren und das Obere hinabstürzen in den Orkus. Evertere hat eine doppelte Bedeutung: zum einen die Tat aus dem Bauch heraus, aus Ingrimm; zum anderen die Verführung anderer zu zumeist hasserfülltem Tun. Wenn man das Handeln aus einem Gemütszustand heraus mit der klugen Entscheidung, jetzt die Verhältnisse umzustürzen verbindet, und wenn sich dies alles mit dem Kampf um die wahre Souveränität des Volkes verbindet, kann daraus kairos der Revolution generieren. Subversion und Eversion gehören also zusammen, so wie Gemüt (Sinnlichkeit), Verstand und Vernunft (s.u. Nietzsches Vernunft des Leibes; in gewisser Weise ist hier auch der Begriff „Erfahrenheit“ – das, was ein Mensch in praxi im Leben selbst als fahrender Geselle oder eben als Vagant erfährt, ergibt bei Paracelsus die Summe aller Erfahrungen, die Erfahrenheit).

1844 schreibt Karl Marx in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie: alle Verhältnisse seien umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen sei. Hier ist Kants kategorischer Imperativ zu sich gekommen, nämlich als Auftrag der Sache selbst.

Die Sache selbst hat zwei Seiten: sie ist Subversion und Eversion verbunden durch den gerechten (gerichteten) Anfang (im Anfang war die Tat, sagt Goethe. Auch der Primat der praktischen Vernunft vor theoretischer rangiert hier); zugleich muss sie begleitet sein vom revolutionären Bewusstsein, das die Verhältnisse insgesamt, also heute global, als veränderungsbedürftig begreifen. Zunächst muss der kritische Verstand prüfen, ob die Verhältnisse, zum Beispiel die weltweit-ökologischen, einer machbaren Veränderung, i.e. reformatorisch (Wiederherstellung eines vergangenen und als besser erkannten Zustandes) zu bewältigen sind. Alle Details der herrschenden Verhältnisse sind insgesamt aufeinander zu beziehen – unter der Ägide der Gerechtigkeit, dann erst soll entschieden werden, was wie und wodurch, wann und womit zu verändern sei.

Im Labyrinth italienischer Politskandale heute, bezichtigt zum Beispiel der gute Silvio Berlusconi, von den Einen der Cavaliere von den Anderen Schmierenkomödiant genannt, gern seine Feinde, etwa die ihn immer wieder seiner Verbrechen wegen anklagenden Richter, als eversiv. Im Allgemeinen wird das Wort für jeden Putschversuch von rechts gebraucht. Wie auch immer! Subversion und Eversion gehören zusammen, gleichgültig, wie man nun die Seiten politisch bewertet. Denn zum Beispiel war Mussolini bis 1923 so revolutionär wie Gramsci. Letzterer bleibt es bis an sein Lebensende und darüber hinaus; Benito indes pervertierte zum Bonsai-Duce.

In der Sprache der Theologie wird Eversion für die Empörung der Großen Hure Babylon gebraucht. In der Vorstellung einiger Theologen ist der Sitz des Leviathans je der Ort der Umkehr aller Weltverhältnisse – zum Schlechteren.

Der Begriff der Revolution speist sich auch aus religiösen Quellen: Der Jesuit Juan de Mariana beschreibt in seinem Buch „De rege et regis institutione“ die Grundlagen des Königsmordes (1598); dieses theoretisch-theologische Werk lässt in praxi einige gekrönte Häupter blutend in den Sand rollen.

Betrachtet man die Taten und Worte der Friedensfürsten (z.B. Buddha, Christus, Gandhi) nur monokausal, dann sind die Folgen ihres Wirkens fast immer – absurderweise – Kriege, Morde, Verbrechen. Diese Gegensätze und Widersprüche von guten Absichten und bösen Folgen sind eine schwere Herausforderung für den Begriff der Gerechtigkeit und für jedes Rechtsempfinden; genauso wie die Handlungen eines Michael Kohlhaas, der aus seiner inneren, eversiven Vernunft heraus durchaus rechtmäßig vorgeht.

Auch der utopische Entwurf einer anderen und besseren Epoche ist subversiv. Wenn zum Beispiel jemand heute die Zeit des Atomismus, also das Denken von sagen wir Demokrit bis zur gegenwärtigen Physik für beendet erklärt, ganz einfach, weil mit der Erfindung der Atombombe und der Macht der Atomlobby der Atomismus jeden Sinn verloren hat, und ein solcher Utopist an die Stelle des Atoms und seiner Spaltbarkeit die alte Einheit von Materie und Geist setzt, werden ihn die allzu Vielen für verrückt erklären oder überhaupt nicht beachten, indes ist seine Einstellung, unter Umständen, subversiv: wenn Taten folgen, wie etwa das Ausplaudern von sogenannten militärischen Geheimnissen über geplante atomare Schläge durch eine bestimmte Gegenöffentlichkeit, die allerdings über die einfache Negation des positiven Tatbestandes hinausreichen müsste. Jede subversive Tat bedarf einer doppelten Negation und einer utopistischen Positionierung.

In der Sprache der dekadenten und nekrophilen Bourgeoisie heute ist jeder Teil der Gesellschaftsformation nur dann effektiv und gut, wenn er vernünftig (i.e. strategisch richtig) eingestellt ist. So denken heute alle Politiker und Manager, Wirtschaftsfunktionäre, usw. Der gesamte Lebensraum aller Menschen ist militarisiert: Die Kriegsordnung west dahin wie ein Schwelbrand und durchzieht den Scheinfrieden.

 

[…]

 

Der Stufenweg, der zwischen erleuchtetem Begreifen und revolutionärem Handeln eine Vermittlung sei, beginnt, wie jeder Weg, mit einem ersten Schritt: Erkenne, dass das Leben von der Geburt bis zum Tod nur eine Hand breit vom Ewigen sich abspielt und dass jede Handlung gemäß der Erkenntnis vorab auf Praxis hin orientiert sein müsse, i.e. auf Veränderung der Verhältnisse.

Jede Handlung soll von Hingabe und Mitgefühl begleitet sein. Ferner soll sich der Handelnde mit jedem Schritt seiner Erkenntnis und mit jedem revolutionärem Akt von seinen Lastern befreien und auch versuchen, seinem Nächsten zu helfen, nicht lasterhaft zu leben.

Mit jedem Schritt der Befreiung soll auch die Lust der Ekstase größer werden und der Entschluss reifen, sich aus den Niederungen des gemeinen Daseins zu erheben. Mit jedem gut aufgehobenem Anfangsgrund in einem Intervall von einem Schritt zum nächsten entsteht ein Rhythmus und das Gehen geht allmählich in ein Tanzen über; alles wird leichter.

Wer zu schwach ist, allein zu gehen, soll sich einen Führer suchen. Das Gelände ist immer unwegsam, schwierig und gefährlich. Abgründe lauern überall und an allen Ecken und Enden Verführungen. Je reiner die Luft, desto schwerer das Atmen.

Viele erste Schritte werden aus Verehrung und aus Überzeugung begonnen. Aus Verehrung für die Vorausgegangenen und aus Überzeugung von der Notwendigkeit des Aufstiegs.

Die Hegemonie des Wirtschaftlichen heute spricht nur vom Aufschwung. Wir aber reden vom revolutionären Fortschreiten: Indem wir von etwas fortgehen, das nichts taugt, gehen wir auf etwas zu, das für alle gut sein soll. Die Wahl der Mittel kann auch nicht jesuitisch sein: der Zeck für sich ist nicht heilig. Heilig ist allein das Ganz- und Glücklichwerden der Menschheit.

 

Wir meinen alle, Eldorado läge nur eine Nasenlänge vor uns und es liegt nur an uns, es zu erreichen. (Wilhelm Raabe)

 

Das Ganz- oder Heilwerden des Menschen ist eine Angelegenheit des freien Willens, der Aufklärung, der Bildung, der Rhetorik, der Gerechtigkeit, der Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit sich und anderen gegenüber, des Mitgefühls, der Klassenlage, der Überwindung des Geschlechterkampfes – also der Liebe -, des Glauben und des Wissens: Um glücklich zu sein und dauerhaft zu werden, muss der Mensch den Anfang mit der Mitte und dem Ende – durch seinen Weg verbinden. Das heißt Praxis. Der Anfang ist die Einsicht in die Notwendigkeit des Anderen: Unmittelbarkeit.

 

Drei parerga sind dann zu bewältigen:

-      Vorgeburt/Geburt

-      Initiation und Adoleszenz

-      Tod.

 

Sind die Pforten der menschlichen Existenz quasi die Fenster des Lebens, durch die der Mensch Ein- bzw. Ausblick auf die Gesamtwirklichkeit erhält, dann ist das Durchschreiten der Tore Orientierung.

 

Jedes Tor (parergon) ist

-      Ein- und Ausgang

-      Öffnung nach allen Himmelsrichtungen

-      Perspektive nach Innen und Außen bzw. nach

-      Oben und Unten

 

Der vollkommenste Parergon ist die Quadratur des Kreises (Leonardo da Vinci).

 

Die Mitte und Vermittlung heißt überall Lehre und Tradition (zum Beispiel Dharma im Hinduismus und Buddhismus).

 

Das Ende, Erkenntnis aller Endlichkeit und möglichen Unendlichkeit ist der Garant des Ewigen.

 

           Ach

           dass ich so spät erst kam

           zu Einsicht und zur Güte.

 

Wenn Kant sagt, dass das Dass-ich-Denke alle meine Vorstellungen begleite, dann ist diese Erkenntnis nur auf der Basis des Dialoges möglich, eines Gespräches mit dem andern oder mit sich selbst. Mit sich selbst reden, ist nicht Verrücktheit, sondern der Anfang des Dialogs.

…. es liegt, wie ich schon gesagt, in der Seele des Menschen die krankhafte und verderbliche Neigung, sich selbst zu täuschen. und nichts Verhängnisvolleres gibt es im menschlichen Leben. Mit vollem Recht fürchtet man die trügerischen Reden von Freunden, weil Liebe und Achtung, die man den Täuschenden entgegenbringt, das einzige Heilmittel, die misstrauische Vorsicht vereiteln und weil ihre schmeichelnde Stimme ständig die Ohren um tönt. Um wie viel mehr sollte man die Selbsttäuschung fürchten, wo hier Liebe und Achtung und Vertraulichkeit so gewaltig sind, weil jeder Mensch sich mehr schätzt, als er verdient, sich mehr liebt, als es nötig ist, und wo der Betrüger und der Betrogene nie zu trennen sind. (Augustinus)

Der Henker und das Opfer wohnen ergo in einer Brust. Wird diese Kette zerrissen, entsteht schizophrenia – ein gebrochenes, ein zerfetztes Herz, ein ursprüngliches Herzeleid ist das Resultat. Aus dieser Urwunde fließt das Blut des Lebens, des schuldhaften Lebens. Vorab existiert keine Unschuld. Die katholische Lehre nennt dies die Erbsünde. Und das Phantasma vom unschuldigen Wilden ist eine romantische Vorstellung der dekadenten Bourgeoisie. Dennoch gibt es ein PARADIES auf Erden und seine Bewohner. Die Vertreibung Adams und Evas ist nicht bloß ein Mythologem.

Wie nun das irdische Paradies, das himmlische Jerusalem, der Hergang der Realgeschichte und das menschliche Geschick miteinander verwoben sind, hängt von verschiedenen Prinzipien, unterschiedlichen Begriffen des Wirklichen, der Erkenntnis des Wahren und nicht zuletzt von unserem Humanismus ab. Letzterer basiert auf der Differenz von Idolatrie (Täuschung) – Idee (Platons Ideenlehre), Einsicht und Notwendigkeit, Arbeit des Weltgeistes, Willensfreiheit, Sünde-Buße – Reinigung, Läuterung und Zielsetzung durch den Willen. Und das gute Wünschen soll auch helfen.

In Dantes Göttlicher Komödie ist der Stufenweg der Erleuchtung der Weg der Poesis: Aus der Hölle, dem Dies, Hier und Jetzt, führt er uns über den Läuterungsberg ins himmlische und irdische Paradies. Was aber ist die copula von Himmel und Erde? Das poetische Leben.

Im humanistischen Werk des Petrarca ist der Dharma prosaisch geworden: Der Stufenweg der Erleuchtung wird vorab dialogisch gestaltet. Und er führt von finsterer Verzweiflung zu heiterer Selbsterkenntnis. Der Dichter stirbt lesend in seiner Zelle. Sein Leben – vita activa und contemplativa – verläuft zwischen inneren Immigrationsorten und externen Besuchen bei Fürsten und Königen. Damals war der große Dichter überall gern gesehen: Als Vortragender, Rhetor und Gesprächspartner. Er war sicherlich einer der ersten Menschen in Europa, der mit dem Herzen denken und mit den Füßen Rhythmen schlagen konnte. Heute, in einer Epoche der Nicht-Korrespondenz, wäre eine solche Persönlichkeit nicht zu denken, oder sie bliebe im Dunklen unerkannt.

Petrarcas Weg führt, Stufe für Stufe – lateinisches Poem und darauf folgend interpretierendes Gespräch mit Augustinus - zur Selbsterkenntnis, zur Überwindung eigener Gespaltenheit und Verzweiflung - hin zum Heil:

 

-      mens immota manet, lacrime volvuntur inanes

-      der feste Sinn verhindert Tränenströme.

 

Ähnlich formuliert später Klopstock: Kein Opferdampf in deine Augen, solang du sündenfrei den Tag begehst. Und Maria Zambrano sagt: Solange es in unserer Zivilisation noch Opferkulte gibt, sind wir nicht reif für eine demokratische Kultur. Der Ritus des Opfers verweist auf Vergangenes, bei Ausschluss der Gegenwart und bei Ausblendung der Zukunft. Die zentrale Figur dieses Mythologems ist Ödipus, der geblendete, ja verblendete Mensch! Wie er nun durch Thebens Tor tritt, blutenden Auges und blind, ist sein Leben als Irrung vorbei: Der Rest ist Leiden.

 

[…]

 

Santideva – der Eintritt in das wahre Leben

Noch sind wir Wesen, alle voller Sorgen. Indes lege ich abends vor dem Schlafen sie alle in einen schönen Beutel, der an meinem Bett hängt. Dann bete ich zu Buddha oder zur Gottesmutter, manchmal zu meinem Schutzengel: Ihr Lieben, lasst mich die Sorgen aufheben! Und am Morgen sind sie entschwunden; einfach weg. Ich danke euch, ihr Himmlischen!

 

Aktuelles

Peter Jirak ist am 10. Februar 2015 in München verstorben.

 

Ich bin nicht tot,

ich tauschte nur die Räume.

Ich leb' in euch,

ich geh' in eure Träume.

 

(Michelangelo Buonarroti)

 

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