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                           Peter Jirak                           Maler » Schriftsteller » Gastrosoph

Malschulen und Ikonoklastiker

Von klein auf lernte ich schauen. Sehen kann von Natur aus jeder, schauen aber ist bewusstes Erfassen der Um- und Mitwelt. Mein Vater, damals noch in Slowenien, ging täglich mit mir, mit Staffelei und Palette, sowie grundierten Leinwänden in die Landschaft. Ich war damals drei Jahre alt und durfte schon die Staffelei tragen. Den weißen Schirm, den Farbkasten und die Formate schleppte mein Vater. Wir bauten uns an verschiedenen Orten, sehr oft an Flussufern oder in Weingärten auf und mein Vater begann schweigend zu arbeiten. Ich setzte mich ins Gras und verglich jeden seiner Pinselstriche mit dem Gegenstand seiner Darstellung. Für gewöhnlich arbeitete er fünf Stunden ununterbrochen. Regelmäßig schlief ich ein und erwachte fröhlich, wenn er zusammenräumte. So entstanden meine ersten Bilder in Herz und Kopf, ohne dass ich sie aufzuzeichnen und auszumalen imstande gewesen wäre.

 

Als ich mit vierzehn in Vaters Atelier meine erste Leinwand aufspannte und grundierte, hatte ich keine Mühe, all die inhalierten Bilder auszupacken und auf den Grund zu bannen. Als ich schließlich nach der Matura an die Akademie nach Wien kam, siebzehn Jahre alt, lernte ich bei Gütersloh nichts hinzu. Die Klasse langweilte mich, zumal der Klassenraum mit schnatternden Gänsen gefüllt war, die fast alle das Lehramt anstrengten. Ich malte am liebsten zu Hause, hatte aber kein Atelier zur Verfügung, sondern nur eine nachtdunkle Wohnung. Wien war für einen armen Provinzler sehr teuer und meine finanzielle Ausstattung von Haus aus gering. Das Malen war mir eine große Leidenschaft, aber die Umstände, sie waren nicht gerade sonnig. Zwischendurch wechselte ich zum Bildhauer Wotruba, wo ich ein Jahr lang eine lebensgroße Skulptur aus Granit schlug. Die schwere Arbeit im Steinatelier freute mich sehr und der skulpturelle Formgewinn beeinflusste auch meine Malerei. Dennoch: Bildhauer wurde ich nicht. Lange Zeit schwankte ich zwischen verschiedenen Gebieten wie Philosophie, Slawische Philologie und Psychologie.

 

Passio: Leiden werden beredt – Grundsatz aller Wahrheitsfindung. Das Erleiden ist allen Lebewesen zu Eigen. Wer dies zu wenden versteht, verleiht der Passion Ausdruck und schließlich Form.

 

Zur leidenschaftlichen und kontinuierlichen Malerei geriet ich erst in Zagreb an der Meisterschule der Akademie bei Krsto Hegedušić. Er, ein Tito-General und Mitbegründer der Schule für naive Malerei Hlebine, war ein ausgezeichneter Lehrer, ein sehr guter Maler und mir zugetan. So bekam ich im relativ armen Jugoslawien ein Staatsstipendium. Meine Bilder wurden auf der Jugend-Biennale in Rijeka ausgestellt und ich durfte als einziger Schüler der Meisterschule im ehemaligen Meštrović -Atelier Fresko malen. Diese Technik der Wandmalerei ist noch immer mein großer Traum, aber durch Mangel an Aufträgen undurchführbar. Konsequenterweise dachte ich diese Form weiter und gelangte schließlich zum Film.

 

Ich bin bis heute dem Tafelbild treu geblieben. Meine Technik ist einfach: Ei-Tempera auf grundierter oder ungrundierter Leinwand, manchmal mit Prima-Malerei in Öl überhöht. Im Moment reizen mich große Tuchfetzen, wie zum Beispiel im Mittelalter die Hunger- und Fastentücher in den Kirchen – für die Armen, die nicht schreiben und lesen konnten.

Aktuelles

Peter Jirak ist am 10. Februar 2015 in München verstorben.

 

Ich bin nicht tot,

ich tauschte nur die Räume.

Ich leb' in euch,

ich geh' in eure Träume.

 

(Michelangelo Buonarroti)

 

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© Dr. Peter Jirak